Autismus oder: Autofahren ohne Verkehrsschilder
Stell dir vor, du fährst dein ganzes Leben lang Auto. Ohne Schilder. Ohne Ampeln. Ohne Fahrbahnmarkierungen. Du merkst nur: Irgendwie eckst du ständig an. Andere Dinge. Manche überholen dich kopfschüttelnd. Du denkst selbst: Ich bin wohl einfach eine schlechte Autofahrerin.
Bis dir irgendwann jemand erklärt: Es gab nie Schilder für dich. Du hast dir dein ganzes Leben lang selbst Regeln zusammengestellt – aus Beobachtung, aus Versuch und Irrtum, aus tausend kleinen Verletzungen. Und plötzlich macht alles Sinn.
So fühlt sich eine späte Autismus-Diagnose an. Und genau davon handelt dieses Kapitel.
Was bringt mir eigentlich eine späte Diagnose?
Kurz gesagt: Identität. Und zwar rückwirkend.
Eine späte Diagnose ist kein Etikett, das man sich auf die Stirn klebt. Sie ist ein Schlüssel, mit dem man das eigene Leben noch einmal von vorne liest, nur diesmal mit Kontext. Die Kindheit, in der du „zu viel“ oder „zu wenig“ warst. Die Beziehungen, die scheiterten, weil du angeblich nicht richtig „gefühlt“ hast. Der Job, den du gewechselt hast, weil das Großraumbüro dich innerlich zerlegt hat.
Auf einmal ergibt die Rückschau Sinn. Und aus dieser Klarheit entsteht der eigentliche Gewinn: der eigene Wert, endlich gelöst von der Frage „Was stimmt nicht mit mir?“ Hin zu „Ich darf so sein.“ Das ist kein Trostpflaster. Das ist eine neue Betriebsgrundlage fürs Leben.
Warum wurde ich nicht erkannt? Warum diese Odyssee?
Weil die Diagnostik in Deutschland noch "zu neu" ist und alte Mythen sich hartnäckig halten. Es werden Diagnosen vergeben, die bei genauem differenzialdiagnostischem Hinsehen oft schlicht nicht haltbar sind.
Und dann die eigentlich spannende Frage: Warum muss „Anders-Sein“ überhaupt ein Label haben? Die ehrliche Antwort: Weil unser System – Reha, Nachteilsausgleich, Verständnis im Job, in der Familie – noch immer nach Diagnosecode fragt, nicht nach gelebter Realität. Solange das so ist, bleibt das Label ein notwendiges Werkzeug. Ein Werkzeug, kein Wesenskern.
Fragen aus der Erlebniswelt der Klienten suchen nach Antworten.
Kann ich meine Rolle in der Familie überhaupt erfüllen?
Gesellschaftliche Rollen sind eben genau das: gesellschaftliche Rollen. Nicht du.
„Gute Mutter“, „verlässlicher Partner“, „funktionierender Angestellter“; Dies sind Erwartungspakete, die andere geschnürt haben, lange bevor du geboren wurdest. Die Frage ist nicht, ob du diesen Paketen entsprichst. Die Frage ist, ob du dein eigenes Leben so bauen kannst, dass es zu deinem Betriebssystem passt und nicht zu einem, das dir übergestülpt wurde.
Wie finde ich den richtigen Platz für mich?
Zeig den Menschen um dich herum, welches Betriebssystem du hast. Und was du brauchst, damit es läuft.
Das ist unbequem. Das ist manchmal auch mutig. Aber die Alternative ist Tarnung, also das dauerhafte Überspielen und Antrainieren eines „normgerechten“ Verhaltens. Leider führt dies über kurz oder lang in den Burnout. Eher über kurz
Der unbequeme Kern
Depression ist nahezu unausweichlich, wenn du mit deinem Sein im Außen nicht wirksam bist. Selbstwirksamkeit ist deshalb kein netter Bonus fürs Wohlbefinden – sie ist die Grundvoraussetzung dafür, dass ein Leben trägt. Zu jedem Zeitpunkt neu erkämpft, nicht einmalig erledigt.
Es geht nicht um ein Leben trotz Autismus. Sondern um eines, das mit ihm funktioniert, weil du endlich die Schilder siehst, die vorher fehlten.
Bleib DU!
